Vom Sehen zum Sammeln: Was wir verlieren, wenn Fotografieren nur noch ein Reflex ist

Vor einigen Tagen saß ich auf einem kleinen Platz mitten in einer Stadt (der Bericht zur Stadt folgt kommende Woche). Kein berühmter Ort, keine Sehenswürdigkeit, die in jedem Reiseführer steht. Einfach ein schöner Platz. Ein paar Bäume spendeten Schatten, das Licht der Nachmittagssonne fiel zwischen die Häuserfassaden, und trotz der umliegenden Straßen lag eine überraschende Ruhe über diesem Ort.

Es war einer jener seltenen Plätze, die einen dazu einladen, nicht sofort weiterzugehen. Ein Ort, an dem man einfach sitzen, beobachten und für einen Moment vergessen kann, wie schnell die Welt geworden ist.

Doch um mich herum geschah etwas anderes: Menschen kamen, zogen im Gehen ihr Smartphone aus der Tasche, hielten es kurz hoch, machten ein Bild (oft im Hochformat) und gingen weiter. Kaum jemand blieb stehen. Kaum jemand betrachtete die Umgebung länger als den Bildschirm. Das Foto schien wichtiger als der Augenblick.

Vielleicht verkläre ich die Vergangenheit. Doch ich erinnere mich an eine Zeit, in der Fotografieren langsamer war. Wer eine Kamera dabei hatte, nahm sie bewusst mit. Man suchte einen Standpunkt. Man wartete auf das richtige Licht. Man überlegte, ob ein Motiv überhaupt ein Bild wert war.

Fotografieren war damals nicht nur Dokumentation. Es war eine Form der Aufmerksamkeit.

Heute tragen wir alle eine Kamera mit uns. Technisch gesehen war Fotografieren noch nie so einfach. Paradoxerweise scheint gerade dadurch etwas verloren zu gehen.

Die Kamera war einst ein Werkzeug des Sehens. Heute ist sie oft ein Werkzeug des Sammelns geworden. Wir sammeln Sonnenuntergänge, Kirchenfassaden, Mahlzeiten, Bahnreisen und Bergpanoramen. Die Welt wird zu einer Serie von Dateien. Die Frage lautet nicht mehr: „Was sehe ich?“, sondern: „Habe ich schon ein Foto davon?“

Die Kulturkritikerin und Schriftstellerin Susan Sontag beschrieb bereits 1977 in ihrem Werk On Photography eine Entwicklung, die damals noch wie eine theoretische Überlegung wirkte. Für sie war Fotografieren niemals nur das Festhalten eines Moments. Wer fotografiert, eignet sich die Welt an. Das Foto wird zu einem Beweis, dass man dort gewesen ist. Reisen, Erleben und Fotografieren verschmelzen miteinander. Sontag ahnte bereits etwas, das im Zeitalter des Smartphones allgegenwärtig geworden ist: Die Wirklichkeit wird zunehmend durch ihre Abbildbarkeit bewertet. Ein Ort scheint erst dann vollständig erlebt, wenn er fotografiert wurde. Das Bild tritt zwischen Mensch und Wirklichkeit. Die Kamera dokumentiert nicht nur das Erlebnis, sie beginnt, das Erlebnis selbst zu formen.

Fast vier Jahrzehnte später beobachtete die Sozialwissenschaftlerin Sherry Turkle eine ähnliche Entwicklung aus einer anderen Perspektive. In ihren Arbeiten über digitale Technologien beschreibt sie, wie Menschen immer häufiger zwischen realer Erfahrung und digitaler Dokumentation hin- und herwechseln. Der Wunsch, einen Moment festzuhalten, entsteht oft bereits während wir ihn erleben. Anstatt ganz im Augenblick aufzugehen, denken wir darüber nach, wie dieser Augenblick später auf einem Bildschirm erscheinen wird. Turkle spricht von einer Kultur der permanenten Verbindung, in der wir ständig dokumentieren, teilen und archivieren. Die Folge ist ein merkwürdiger Widerspruch: Wir verfügen über mehr Bilder als jede Generation vor uns und haben gleichzeitig oft das Gefühl, weniger intensiv erlebt zu haben. Wir besitzen tausende Fotos eines Urlaubs, erinnern uns aber manchmal kaum noch daran, wie sich der Wind an diesem Ort angefühlt hat oder wie die Stimmung tatsächlich war.

Auch die Tourismusforschung beschäftigt sich intensiv mit diesem Wandel. Bereits der Soziologe John Urry prägte den Begriff des „touristischen Blicks“. Reisen bedeutet demnach nicht nur, Orte zu besuchen, sondern sie auf bestimmte Weise anzuschauen. Heute wird dieser Blick zunehmend durch digitale Medien geprägt. Viele Reisende kennen Sehenswürdigkeiten bereits aus sozialen Netzwerken, lange bevor sie dort ankommen. Sie suchen nicht mehr nur den Ort selbst auf, sondern das Bild des Ortes, das sie bereits gesehen haben.

Tourismusforscher sprechen inzwischen von einer „Instagramisierung“ des Reisens. Nicht selten reisen Menschen zu einem Motiv, das sie aus sozialen Medien kennen, und reproduzieren dort nahezu identische Aufnahmen. Der Ort wird zur Kulisse für ein bereits existierendes Bild. Die Erfahrung folgt der Fotografie, nicht mehr umgekehrt.

Das bedeutet nicht, dass Smartphone-Fotografie oberflächlich sein muss. Im Gegenteil. Noch nie war es so einfach, kreativ zu fotografieren, Licht zu studieren oder Geschichten in Bildern zu erzählen. Viele Menschen nutzen ihre Smartphones mit großer Sorgfalt und künstlerischem Anspruch.

Das Problem liegt nicht im Gerät. Das Problem beginnt dort, wo Fotografieren aufhört, ein Akt der Aufmerksamkeit zu sein.

Ein gutes Bild entsteht nicht durch eine Kamera. Es entsteht durch Zeit. Durch Beobachtung. Durch Geduld. Durch die Bereitschaft, einen Moment zunächst wirken zu lassen, bevor man versucht, ihn festzuhalten.

Vielleicht sollten wir auf Reisen wieder öfter stehen bleiben. Nicht um bessere Fotos zu machen. Sondern um wieder besser zu sehen. Denn die wertvollsten Erinnerungen entstehen manchmal genau dann, wenn keine Kamera zwischen uns und der Welt steht. Vielleicht ist dies die eigentliche Herausforderung unserer Zeit: Nicht zu lernen, wie man noch mehr Bilder macht, sondern wie man trotz der allgegenwärtigen Kamera die Fähigkeit bewahrt, wirklich hinzusehen. Denn Sehen und Fotografieren sind nicht dasselbe.

Und manchmal beginnt die tiefste Form des Sehens genau dort, wo das Bedürfnis verschwindet, sofort auf den Auslöser zu drücken.

In diesem Sinne: fotografiert und habt Spaß dabei – macht aber bitte keine Bilder einfach so im Vorbeigehen…besonders nicht, wenn ich dort auf einem Platz sitze 🙂

Euer Alex

4 Gedanken zu „Vom Sehen zum Sammeln: Was wir verlieren, wenn Fotografieren nur noch ein Reflex ist

  1. Martin

    Hallo Alexander,

    da gibt es nicht viel zu sagen, außer: Da stimme dir zu. Ich sehe es genau so.

    Die Art des Fotografierens mit Achtsamkeit lässt sich entsprechend kultivieren. Sein Mehrwert ist dann wahrnehmbar.

    Ich setze mich mit der Thematik seit längerer Zeit auseinander. Sehr gut äußert sich m. E. Prof. Dr. Sven Barnow in seinen Büchern „Psychologie der Fotografie: Kopf oder Bauch? Über die Kunst Menschen zu fotografieren“ und „Achtsam fotografieren: Durch Fotografie zur inneren Ruhe finden“ hierzu. Vielleicht können sie dein Interesse finden.

    Grüße
    Martin

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    1. Alex Artikelautor

      Hallo Martin,

      danke für deinen Kommentar. Ja da hast du recht: Achtsamkeit und Langsamkeit sind wichtig – auch bim Fotografieren. Trotzdem finde ich, dass nicht jeder/e gleich die innere Ruhe finden muss. Einfach mal langsam machen und sich die Dinge ansehen würde uns schon an vielen Stellen helfen 🙂

      Grüße,
      Alex

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      1. Martin

        Vielleicht habe ich mich unglücklich ausgedrückt. Es geht um das, was auch Du beschreiben hast. Achtsamkeit bedeutet gegenwärtig zu sein, wertfrei zu schauen und daraus eine innere Haltung, zumindest zum Fotografieren, zu entwickeln.

        Grüße
        Martin

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